Schon nach wenigen Metern auf dem sandigen Pfad, der zu den Palmen führt, begreifen wir alle beide, daß wir die falschen Schuhe angezogen haben. Unsere Turnschuhe füllen sich sofort mit feinem Sand. Schlappen oder hohe Stiefel wären angebracht gewesen, doch in letzteren hätten wir uns bei der Hitze wohl totgeschwitzt.
Zügig schreiten wir vorwärts. Auch ohne Stiefel kommen wir nach kurzer Zeit ziemlich ins Schwitzen, denn das Schreiten durch feinen Sand ist hier am Wüstenrand viel anstrengender als in den letzten Tagen, als wir am herrlichen Sandstrand der Hotelanlage herumliefen.
Ein eigenartiges Gefühl der Einsamkeit überkommt mich, als ich zurückblicke. Die von Reichtum strotzenden Häuser Dubais bleiben in der heute trüben Luft rasch zurück und verblassen irgendwie. Als wenn die beginnende Wüste den Prunk der Zivilisation einfach beiseite drängen würde. Und das nach nur wenigen hundert Metern.
„Paß bitte auch auf den Weg auf,“ sage ich zu Karin, „nicht daß wir uns noch verlaufen.“
„Die Palmen sind deutlich sichtbar. Die Hälfte haben wir bestimmt schon.“ gibt sie zurück, und soll recht behalten, denn nun wird direkt neben den Palmen ein weißes Haus sichtbar.
Als wir dort angelangt sind dreht sich Karin zur verschwommenen Kulisse Dubais zurück und meint: „Seltsam, nur zwei Kilometer vom Stadtrand entfernt. Und doch wirkt es hier wirklich wie eine Einsiedelei.“
„Nun gut, dann laß uns mal eintreten!“ antworte ich und wende mich wieder dem Häuschen zu. Es ist aus weißem Kalkstein erbaut, hat kleine Fenster, und eine hölzerne Tür, ebenfalls weiß bemalt. Schräg hinter dem Haus sind neben den beiden Palmen noch einige Obstbäume zu erkennen. Offenbar eine kleine Oase, vielleicht aber auch künstlich bewässert. Ich vermag es auf die Schnelle nicht zu erkennen.
„Schönes Häuschen!“ meint Karin und tritt zu mir.
Gewohnheitsgemäß blicke ich auf die Armbanduhr. Es ist genau 11 Uhr vormittags, als ich an der Tür des kleinen Hauses klopfe.
Es dauert keine 30 Sekunden, bis die Tür aufgeht und der alte Mann von vorletzter Woche heraustritt. Sein ganzes Gesicht lacht, als er uns erkennt.
„So haben Sie meine Einladung also nicht vergessen!“ begrüßt er uns, wobei er wieder seine Hände an die Brust legt und sich leicht verbeugt. „Treten Sie ein, kommen Sie herein und seien Sie willkommener Gast in meinen bescheidenen Wänden.“
Ich bedanke mich für den herzlichen Empfang und überreiche beim Eintreten unser Gastgeschenk: einen kleinen Reiseführer von Berlin, den Karin zufällig in ihrer Handtasche hatte. „Er ist nicht neu,“ erkläre ich, „aber Sie erhalten damit einen Eindruck unserer Heimatstadt.“
Unser Gastgeber nimmt ihn an sich, betrachtet das Büchlein und erwidert: „Berlin..., welch geschichtsträchtige Stadt, in der Vergangenheit, und wohl auch in der Zukunft.“
Mit fast naivem Ton fragt Karin: „Klar, welche Vergangenheit Sie meinen, doch auf welche Zukunft spielen Sie an?“
Ohne seinen Blick von dem Buch zu nehmen, erwidert er: „Von Berlin ging einst eine große Finsternis für die Welt aus. Somit wurde alleine dadurch der Keim des Gegenteils gepflanzt. Von Berlin könnte eines Tages der Impuls einer lichtvollen Friedens-Kraft ausgehen.“
Dann unterbricht er sich rasch, berührt uns an den Armen und weist auf eine gemütliche Diwan-Ecke. Dabei sagt er: „Doch was bin ich für ein Gastgeber. Rede schon wieder Uninteressantes. Bitte nehmt erst einmal Platz. Ich habe orientalischen Tee für uns vorbereitet. Ihr trinkt hoffentlich mit?“
Als wir bejahen und Platz genommen haben, stellt der alte Mann, der wieder in weiße Tücher gekleidet ist, eine große arabische Teekanne und drei Tassen auf den Tisch. Dann holt er einige kleine Kännchen, die er daneben plaziert und eine Schüssel mit Gebäck.
Während er sich zu uns setzt und jedem einen Tee eingießt, erklärt er: „Es ist ein erweckender Kräutertee mit Zusätzen von grünem Tee. In den kleinen Karaffen findet ihr Milch, Zuckersirup und verschiedene flüssige Pflanzen-Extrakte. Probiert sie einfach aus. Sie sind sehr wohlschmeckend.“
Als er die Teekanne wieder hingestellt hat, erhebt er sich noch einmal und sagt förmlich: „Erst einmal will ich mich vorstellen: ich bin Abdul al Haschad. Ich freue mich, daß ihr meiner Einladung gefolgt seid.“
Erst jetzt fällt mir auf, daß er uns im Plural einfach duzt. Ich rümpfe kurz mit der Nase, denn ich bestehe eigentlich immer auf den üblichen Höflichkeitsformen. Aber er wird unsere Sprache wohl nicht besser beherrschen.
Karin stellt uns beide zunächst vor, wobei sie jedoch nur unsere Vornamen nennt, dann lächelt sie ihn neugierig an, zu lächelnd und zu neugierig wie ich finde, und erwidert: „Wir haben uns darauf gefreut, Herr Abdul, oder Herr Fana, oder wie sollen wir sie ansprechen? Im Hotel hat man uns berichtet, daß Sie so etwas wie ein Heilpraktiker. So würde man wahrscheinlich Ihren Beruf in Deutschland bezeichnen...“
Ich schnaufe langsam und tief durch. Irgendwie ist mir schon der Beginn des Treffens peinlich, denn meine Frau erzählt von Freude. Aber ich habe mich nicht gefreut. Und dann der Quatsch mit dem Heilpraktiker... Mann, was denkt sie sich nur dabei. Wahrscheinlich gar nichts. Es ist ihr ebenso peinlich, und sie will ihre Unsicherheit mit Gequassel übertünchen.
Unser Gastgeber blickt mich plötzlich ernst an. „Nein, sie ist nicht unsicher!“ sagt er, „sie versucht nur die richtigen Worte zu finden. Dabei ist die Kommunikation jenseits aller Worte sowieso viel wichtiger...“
Mir verschlägt es die Sprache. Woher kennt er meine Gedanken? Doch er fährt einfach fort: „Sie haben eine wunderbare Frau, voller Liebe und innerer Neugierde, Robert, doch ich möchte erst auf die Frage Ihrer Frau eingehen.“
Er blickt Karin tief in die Augen. „Sie können mich nennen, wie Ihnen beliebt. Abdul oder Fana. Letzteres haben Sie wahrscheinlich auch im Hotel erfahren, weil ich gelegentlich so genannt werde. Abdul ist mir jedoch lieber, denn Fana ist ein hohes erstrebenswertes Ziel bei uns Moslems. Man sollte es nicht zum Namen machen.“
„Was bedeutet Fana?“ will ich wissen.
Nun lächelt er mich an, ebenso offen wie zuvor meine Frau. Doch diesmal empfinde ich es plötzlich nicht mehr als übertrieben. Langsam, jedes Wort abwägend antwortet er: „Fana ist der Folgezustand von Islam.“
Er macht eine Pause, blickt mir tief in die Augen und fragt: „Waren Sie als Kind schon einmal des nachts auf einer Wiese gelegen und haben in einen klaren Sternenhimmel hinaufgeblickt? Und wenn ja, haben Sie sich dann schon einmal vollständig in der Unendlichkeit dieses Sternenhimmels verloren?“
Erst als ich unmerklich nicke, da ich tatsächlich bereits diese wundervolle Erfahrung in der Kindheit hatte (woher wußte er es nur?), fährt er fort: „Dann erinnern Sie sich bitte jetzt an dieses Gefühl von damals. Waren Sie als Individuum noch vorhanden?“
Ohne zu überlegen antworte ich: „Nein, ich bin damals richtig zum Sternen-Meer geworden. Es war ich. Ich war es. Schwer zu erklären...“
Weise lächelnd fährt er fort: „Sie brauchen nichts zu erklären, das ist es ja! Ihre ureigene Erfahrung reicht aus. Sie hatten damals jede Ich-Bezogenheit verloren. Sie wurden eins mit der Weite des Universums, anders ausgedrückt: Sie fühlten sich als Teilchen dieser Unendlichkeit...“
Wieder nicke ich leicht, und er registriert es aufmerksam, um dann fortzufahren:
„Das Wort Islam bedeutet eigentlich völlige demutsvolle Hingabe an Allah. Keine Unterwerfung im Sinne einer Unterdrückung, sondern ein höchst freiwilliger Prozess, der in Ihrer Religion im Gebet als Dein-Wille-geschehe formuliert wird. Als Folge dieser beständigen Hingabe entsteht im Laufe der menschlichen spirituellen Entwicklung der Zustand des Fana. Frei übersetzt: der Tod des Ego. Auch diese Aussage finden Sie in ihrer Bibel, wenn es heißt, man müsse erst viele Tode sterben, um das Himmelreich zu erlangen. Es ist natürlich kein körperlicher Tod gemeint, sondern das Absterben der Gelüste, der Begierde, der Macht-Bestrebungen, und ähnlicher Dinge, die uns an die weltliche Vergänglichkeit binden. Nochmals anders ausgedrückt: Fana ist der Zustand des immer umfassenderen Einsseins mit dem Göttlichen und der Göttlichen Gnade, wobei sich der Suchende nicht mehr als von Allah getrenntes Individuum begreift, sondern als 100% gottergebenen Teil einer wunderbaren Schöpfung. Der Suchende wird zum Wali, zum nahen Freund Allahs, durch den Er wirkt und gelegentlich auch spricht.“
Abdul macht eine Pause, registriert lächelnd unsere Aufmerksamkeit und schließt seine Ausführungen ab: „So verstehen Sie sicher, warum mir der Name Fana nicht gerade recht ist. Auch wenn er mir von anderen Menschen auferlegt wurde, so klingt er dennoch wie Angabe. Er bedeutet ein zu hohes Gut. Allerdings ein Gut, das ich wahrhaftig und aus ganzem Herzen erstrebe.“
Als er den letzten Satz ausgesprochen hat, erstirbt plötzlich meine Aufmerksamkeit und ich spüre ein grollendes Rumoren in meinem Bauch, ähnlich wie damals nach dem Gespräch mit dem Rezeptionisten. „Hören Sie, Abdul, Sie finden es wirklich erstrebenswert, sich aufzulösen? Ihre zweifellos vorhandene warmherzige Menschlichkeit gegen irgendwelche kosmische Weltfremdheit zu ersetzen?“
Karin knufft mich in die Seite und zischt: „Hör auf! Er ist nicht weltfremd...“
Doch gerade das stachelt mich noch mehr zum Widerspruch an: „Ich bin als Manager ausgebildet. Und ich fühle mich nicht als Angeber, wenn ich mich als Top-Manager bezeichne. Wenn ich die Kraft meiner Persönlichkeit nun vom Universum auflösen lassen würde, was meinen Sie, was meine Konkurrenten dann mit mir machen würden? Sie würden mich in der Luft zerreißen und niedermachen, ich verlöre meinen Job, all mein Geld, wahrscheinlich auch meine Frau, und säße als Stadtstreicher beim Betteln. Das war’s dann mit mir. Was nützt mir nun die Weite des Sternenhimmels, wenn ich nichts mehr zum Essen habe, vielleicht nicht mal mehr ein Bett zum Schlafen?“
Abdul hat trotz meiner heftigen Worte nichts von seinem Lächeln verloren. Ich habe sogar den Eindruck, daß es noch eine Spur freundlicher wird, als er sanft antwortet: „Ich habe nicht gesagt, daß dieser Weg für Sie gangbar oder gar richtig sei. Vielleicht ist es ihre Bestimmung, ein erfolgreicher Manager zu sein. Überprüfen Sie es selbst. Wenn Sie aus tiefstem Herzen mit jeder Seite ihres Berufes zufrieden, ja glücklich sind, dann ist es stimmig für Sie. Nagt in Ihnen jedoch ab und zu ... und immer öfters ... ein bohrendes Gefühl, irgend etwas im Leben versäumt zu haben, das sie mit all ihrem Einfluß, ihrem Geld und ihrer starken Persönlichkeit nicht erreichen können, dann sollten sie es sich ehrlich zugeben und gegebenenfalls einmal eine innerliche Inventur machen. Damit meine ich keinen Psychologen, sondern ein Bloßlegen und Enttarnen ihres tiefsten, wahren Sehnens. Die Sehnsucht des Herzens ist leider oft von dicken Mauern umgeben, nicht leicht, letztere zum Einsturz zu bringen...“
Ich will etwas entgegnen, habe den Mund schon offen, doch bringe kein Wort heraus. Es erstirbt auf der Zunge.
Da fügt Abdul noch sanft hinzu: „Auch habe ich mit keinem Wort gesagt, daß ich mich auflösen möchte, ganz im Gegenteil: ich will zu etwas werden. Meine kleine menschliche Existenz möchte zu dem werden, was wir alle - ohne es meist zu wissen - im Grunde genommen sind: zu einem Abbild des Allmächtigen. Kein Mensch kann jedoch aus eigenem Willen etwas Ewiges in sich erwecken, wie beispielsweise auch kein Haustier aus eigenem Willen zum Menschen werden kann. Aber ich kann mich Allah mit aller liebenden Inbrunst hingeben, um fähig zu werden, Ihn in jedem Staubkorn der Schöpfung zu erkennen, auch wenn er noch so gut getarnt ist. Und dann geschieht in mir eine nahezu magische Verwandlung: Durch Seine Liebe wird meine Identifikation mit dem Vergänglichen in ein Einssein mit dem Ewigen verwandelt. Allgemein ausgedrückt: Ein sich wahrhaftig hingebender Mensch verliert seine Begierden, sein Gefühl, von der Schöpfung getrennt zu sein, und das Damokles-Schwert eines endlichen Lebens, denn er weiß aus tiefster Erfahrung, daß seine wahre Existenz aus Allah entspringt und in Allah mündet.“
Mein immer noch offenstehender Mund klappt wieder zu. Ich muß lächerlich auf ihn wirken, aber ich finde einfach keine passenden Worte der Entgegnung.
„Themenwechsel!“ ruft da plötzlich Karin neben mir.
Ihre helle fröhliche Stimme reißt mich wie aus einer eigenen Welt, einer sehr engen, auf mich konzentrierten Welt des Widerspruchs, in der ich mich gerade befunden habe. Da realisiere ich plötzlich, daß meine Frau neben mir sitzt und mich anstrahlt.
„So, Du bleibst erst mal still und nervst Herrn Abdul nicht weiter!“ sagt sie mit liebevoller, aber dennoch strenger Amazonenhaftigkeit, um dann den Gastgeber zu fragen: „Sagen Sie, wie ist das mit dem Heilen? Sind Sie wirklich Heilpraktiker?“
Abdul schmunzelt und gibt eine seltsame Erwiderung: „Bitte legen Sie einen Ihrer Füße auf mein Knie und treten Sie in einen Zustand der Aufmerksamkeit...“
Ich richte mich auf und setze mich stocksteif hin, um alles genau zu beobachten, was nun geschieht.
Karin lehnt sich an mich an und hebt ein Bein aus den Tüchern, um wunschgemäß einen Fuß mit Baumwollstrumpf (die Schuhe hatten wir am Eingang abgestellt) auf dem Knie des Gastgebers zu platzieren.
‘Er kann ihren Schritt sehen...’ fährt es mir durch den Kopf, ‘macht er es deshalb?’
Aber Abdul macht nicht gerade den Eindruck, als ob er am Slip meiner Frau interessiert wäre, davon abgesehen, daß dieser gut von den weißen Tüchern bedeckt war.
‘Blöde Eifersucht...’ muß ich mir zugeben.
Er beginnt nun sachte und langsam ihren rechten Fuß zu massieren, doch nicht auf die Art einer europäischen Fußreflexzonen-Behandlung, sondern in seltsamen, fast symbolhaft wirkenden Kreisbewegungen, die jedoch bei Karin ein ungeheures Wohlbehagen auszulösen scheinen.
Sie schließt genüßlich die Augen und ihr ganzes Gesicht und ihre Körperhaltung strahlen vollständige Harmonie aus. Sie beginnt nach kurzer Zeit intensiver zu atmen und flüstert: „Es ist unglaublich ... mein ganzer Körper vibriert vor Freude ... wie machen Sie das?“
Abdul gibt vorerst keine Antwort, und Karin erwartet wohl auch keine - vorerst.
Nach ein paar Minuten beendet er sein Werk, hebt ihren Fuß an und setzt ihn sanft wieder auf den Boden.
Es dauert einige Zeit, bis Karin sich wieder von mir löst und ihre Augen öffnet.
Ihr Blick ist wie von einer anderen Welt, dennoch voller Freude und Liebe, und - es liegt etwas darin, was ich noch nie bei ihr entdeckt habe: unbeschreiblicher, in sich gekehrter Friede.
„Was ist geschehen, Karin?“ will ich wissen.
Sie kommt erst langsam wieder zurück, blickt unseren Gastgeber dankbar an und meint: „Ich kann es nicht erklären, Robert. Er hat eigentlich gar nichts gemacht. Er war nur .... wie soll ich sagen ... Katalysator, daß etwas in mir geschieht. Du weißt, daß ich nicht gerade gläubig bin. Aber wenn sowas wie eine Wahrnehmung von etwas Göttlichem wirklich möglich ist, dann habe ich es gerade wahrgenommen. Etwas ... das in mir selbst erblühte ... und das war keine Illusion, das war absolut real, körperlich...“
Ich schüttle den Kopf. „Wie redest Du denn?“
Sie antwortet nicht mit Worten, sondern lediglich mit einem Blick. Sie sieht mir so tief und liebevoll in die Augen, daß ich in diesem Moment fast vor ihrer inneren Berührung zurückschrecke. Und es stellt sich ein Gefühl ein, als wenn eine Mauer bröselig werden würde. Eine feste, selbst erbaute Mauer, die in meinem Inneren entstanden ist ... und nun brüchig wird.
„Ich rede von wirklicher Liebe...“ flüstert sie endlich.
Fast unmerklich sanft ist nun wieder Abduls Stimme zu vernehmen: „Sie fragten mich vorhin, ob ich Heilpraktiker bin. Nein, in keinster Weise. Ich habe keinerlei medizinische, heilerische oder auch schamanische Ausbildung. Was ich in die Wege leite, könnte man naturwissenschaftlich etwa so formulieren: ich versuche eine Resonanz zu einer unfassenderen Harmonie herzustellen. Diese Harmonie, ob Sie sie nun himmlisch nennen oder nicht, vertreibt all die Disharmonien in einem Menschen, die sich im Laufe der Jahre zu massiven Gesundheits-Störungen entwickeln. Eigentlich ganz einfach. Sie würden es vielleicht auch als natürliche Selbstreinigungskraft bezeichnen. “
Hier werde ich plötzlich hellhörig. Der Geschäftsmann in mir wittert Profit !
„Herr Abdul, wenn Sie wirklich solche Fähigkeiten haben, allerlei Krankheiten zu heilen, dann wäre das ja eine Sensation. Sie könnten ungeheuer viel Geld damit verdienen. Wenn Sie Ihr Wissen unseren Ärzten beibringen würden, dann könnte das die gesamte Medizin revolutionieren. Die Krankheiten würden einfach verschwinden. Haben Sie eventuell Interesse daran, daß ich Sie und Ihr Können manage?“
Meine Stimme wird immer begeisterter. Daß unser Gastgeber so ein Angebot ablehnen könnte, ist mir unvorstellbar.
Doch statt meinen Begeisterungssturm zu erwidern, verschwindet das Lächeln aus Abduls Gesicht, zum ersten Mal, seit wir bei ihm eingetreten sind.
Ernst blickt er mich an, als er antwortet: „Robert, Sie haben vorhin nicht gut zugehört. Ich heile nicht aufgrund von Fähigkeiten. Ich heile überhaupt nicht, ich bemühe mich nur, ein Instrument des Allmächtigen zu sein. Ich bitte Allah, im Körper eines hilfebedürftigen Menschen zu wirken, um dort die Harmonie und den Einklang mit der Schöpfung wieder herzustellen. Glauben Sie, wenn ich für einen Dienst am Menschen ausgerechnet Geld nehmen würde, dann wäre das im Sinne Allahs? Ich versuche den Pfad der Hingabe zu gehen, bemühe mich, jenen Zustand des Absterbens des Ego zu erreichen. So gelange ich gelegentlich an Hilfesuchende, denen ich die Gnade des Allmächtigen nahezubringen vermag, weil sie ebenfalls im Inneren danach rufen, meist, ohne es zu wissen. Doch nicht ich bin es, der hilft, es ist die Göttliche Allmacht. Im Hotel auf der Palmeninsel nächtigen auch aufrichtig Gläubige. Nur solchen vermag ich zu helfen. Wer einfach gesund werden will, um der Gesundheit willen, für den kann ich nichts tun. Noch weniger für jemanden, der sich Gesundheit mit Geld erkaufen will.“
Schweigen liegt in der Luft, fast mystisches Schweigen.
Abdul lächelt wieder etwas. Karin sieht mich innig an.
In mir ist ein ganzer Kronleuchter aufgegangen. Abduls Erläuterung hat mich tief bewegt.
„Ich glaube, ich kann es nachvollziehen, Abdul“, antworte ich mit schleifender Stimme, „es ist etwa ... als wenn der Arzt einen Lungenkrebs-Patienten im fortgeschrittenen Stadium heilen soll, dieser Patient jedoch nicht daran denkt, mit dem Rauchen aufzuhören.“
„Ein guter Vergleich,“ gibt Abdul zurück, wobei er uns allen wieder Tee nachgießt, „ein in seiner Harmonie gestörter Mensch sollte zunächst sein gesamtes Wesen, Körper und Geist, dadurch läutern, indem er es bedingungslos auf Allah ausrichtet. Ist er dazu bereit, dann wird ihm auch Hilfe zuteil, und die äußere Krankheit, also die Auswirkungen seiner inneren Disharmonien, verschwinden. Wenn sein Bewußtsein heil wird, heilt er auch körperlich.